Die Herausforderung des Objekts
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg ist im Jahr 2012 Ausrichter des 33. internationalen Kunsthistoriker-Kongresses CIHA (Congrès International d’Histoire de l’Art). Erstmals seit der Gründung des CIHA-Komitees im Jahr 1873 ist damit ein Museum für die Organisation dieses Weltkongresses zuständig. Mit seinem Rahmenthema „Die Herausforderung des Objektes“ ist es das Ziel des Kongresses, sich mit der Wahrnehmung und der Theorie des Objektes in der Kunstgeschichte auseinanderzusetzen. Diese Frage hat angesichts der Herausforderungen der Globalisierung und der zunehmenden Digitalisierung eine ganz neue Brisanz gewonnen. Gerade Museen, deren zentrale Aufgabe die Sammlung, Bewahrung, Erforschung und Präsentation von Objekten ist und die für viele eine zentrale Quelle für den Zugang zum Artefakt darstellen, sind prädestiniert, eine führende Rolle in der Diskussion zu übernehmen.
Im Mittelpunkt des Kongresses steht das Objekt, das Werk an sich. Zum einen wird nach dem materiellen Gegenstand der Forschung gefragt, zum anderen nach dem Inhalt des Faches im weiteren Sinn. Es ist der Ausgangspunkt und zugleich Gegenstand der kunsthistorischen Forschung, an ihm hat diese sich immer wieder zu bewähren, auch wenn die Kunstgeschichte wie jede wissenschaftliche Disziplin ihren Gegenstand selbst konstruiert. Der Umgang mit dem materiellen Objekt, sei es als Bauwerk, Gemälde, Skulptur, kunsthandwerkliches Artefakt, sei es als Kult-, Sammlungs- oder Gebrauchsgegenstand, ist ein Maßstab für die Forschung. Es soll einerseits in seiner spezifischen Materialität, seinem historischen Kontext und seiner Geschichte, aber auch hinsichtlich seiner divergierenden wissenschaftlichen Sichtweisen im Mittelpunkt des Kongresses und seiner Sektionen stehen.
Die Analyse des Objektes kann aus vielen Blickwinkeln erfolgen und verlangt entsprechend die Kooperation von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Ressorts. In jedem dieser Bereiche konstituiert sich der Gegenstand auf neue Weise aus der spezifischen Fragestellung und dem besonderen Umgang mit Objekten. Der Kongress bietet Gelegenheit zum Dialog über die differierenden Perspektiven und Ansätze.
Die Frage nach dem materiellen Objekt und seiner Konstitution bietet die Möglichkeit, einen Blick einzunehmen, der nicht von vornherein europäisch geprägt sein muss. Es ist das Ziel, voneinander abweichende Formen des Umganges und der Bewertung von Objekten als Träger kultureller Inhalte im globalen Rahmen vorzustellen und zu diskutieren. Die Konzentration auf die Frage nach gemeinsamen und differenten Auffassungen und Verwendungsformen von gestalteten Objekten soll einerseits den kulturenübergreifenden Dialog fördern und andererseits Gelegenheit geben, die Funktion dieser Objekte als mobile und immobile Symbole in unterschiedlichen politischen oder religiösen Interessenfeldern anzusprechen.
Besondere Bedeutung gewinnt die Frage nach dem materiellen „Objekt” als dem „Original“ in einer digitalisierten und globalisierten Welt. Wie verändern sich unsere Wahrnehmung und der Umgang mit diesem „Original”? Lässt sich das Objekt im Feld der zeitgenössischen Kunst, namentlich etwa Video- und Internet-Kunst oder Performance, überhaupt noch dingfest machen? Wie ist mit ephemeren Kunstformen umzugehen, seien dies nun moderne oder historische? Der Kongress will diese Fragen vielfältig auffächern und Gelegenheit zur Diskussion und zur kontroversen Auseinandersetzung bieten.
Die Themenstellung und die Sektionsgliederung zum CIHA-Kongress 2012 wollen anregen, die in der Kunstgeschichte üblich gewordenen Kategorien und Grenzen zu reflektieren. Die einzelnen Sektionen zeichnen nicht Gattungsgrenzen nach; sie zielen vielmehr darauf ab, Beiträge aus verschiedenen Kulturkreisen und Diskursfeldern miteinander zu verbinden.
Versteht man „Kunstgeschichte” nicht im engeren Sinn als „Geschichte der Kunst”, sondern als Auseinandersetzung mit dem konkreten visuellen Objekt als Artefakt, so zeigen sich zahlreiche Anschluss- und Erweiterungsmöglichkeiten einer historisch vorwiegend europäisch bzw. westlich geprägten Disziplin für die notwendige globale Öffnung. Insbesondere die europäische und speziell deutsche Kunstgeschichte steht vor der Aufgabe der Globalisierung. Kunsthistoriker, die sich mit islamischer, fernöstlicher, afrikanischer oder mittelamerikanischer Kunst beschäftigen, befinden sich derzeit noch kaum in Kontakt mit den “klassischen“ Kunsthistorikern, die die europäische Kunst im Blickfeld haben.
Vorträge in den einzelnen Sektionen sollen grundlegende Ansätze zum theoretischen Umgang mit dem Problemfeld „Objekt”, der Methode der Kunstgeschichte sowie Fragen des globalen Vergleichs zum Inhalt haben. Dabei sollen vorrangig nicht einzelne Gegenstände behandelt, sondern vielmehr Schlüsse aus deren Bearbeitung auf die Theorie des Objektes insgesamt gezogen werden. In angemessenem Verhältnis sollen sowohl die traditionellen Bereiche der Bildenden Kunst und der Architektur zur Sprache kommen sollen wie auch Felder, die sich eine global orientierte Kunstgeschichte neu zu erschließen hätte.

